Wie Kreise zu Gesichtern werden

Alles gut. Oder doch nicht?

Eine der nettesten Anekdoten aus einer dieser Standardvorlesungen drehte sich um die Grundlagenliteratur. Ich hatte am Anfang des Semesters die aktuelle, überarbeitete Ausgabe meines Buches als Lektüre festgelegt. Vermeintlich findige Studierende kamen auf die Idee, sich die alte Ausgabe vom letzten Jahr gebraucht von den vorhergehenden Semestern zu kaufen. In den ersten vier Wochen des Semesters fiel keinem der Studierenden auf, dass die Seitenzahlen in unserer Lernplattform anscheinend von denen Ihres Buches abweichen können. Warum? Weil keiner von diesen Kandidaten jemals in den 4 Wochen das Buch geschaut hat. Am Ende des ersten Drittels stellte eine Studentin die Frage, ob man sich denn auch mit der alten Ausgabe auf die Klausur vorbereiten könne. Nachdem ich ca. 60% des Buches überarbeitet hatte, war meine Antwort: schwierig, aber machbar.

Ca. 30 Minuten nach Ende dieser Vorlesung bekam ich eine E-Mail, in der zu lesen war, dass sich viele Studierende die alte Ausgabe gekauft hätten und jetzt von mir verlangten, dass ich Ihnen die Änderungen kostenlos zur Verfügung stellen sollte. Warum? Damit sie sich gut auf die Prüfungen vorbereiten können. In der darauffolgenden Vorlesung fragte ich in die Runde, warum sie sich eigentlich die alte Ausgabe gekauft hätten. Die ehrliche Antwort von einem Kreis mit 2 Buchstaben: „wir dachten, das wäre ein Schnäppchen“. Ich machte den Teilnehmern in dieser Vorlesung klar, dass ich dies auf keinen Fall machen werde. Und wenn dies eine Fehlentscheidung einiger Studierenden war, so werde ich auf keinen Fall für diesen Fehler geradestehen. Außerdem würde ich damit alle diejenigen auf den Arm nehmen, die sich die richtige Auflage zu Beginn des Semesters gekauft hätten. Damit war eine große Menge der Studierenden anscheinend stocksauer und diese machten ihrem Ärger in der Evaluation der Vorlesung Luft, indem sie die Qualität des Buches bemängelten und forderten, man möge doch ein kostenloses Skript zur Verfügung stellen. Wahrscheinlich wollen diese Kandidaten dann auch kostenlose Berufsklamotten zum Berufsstart.

Aber auch aus dieser Anekdote und rückblickend auf das gesamte Corona-Semester habe ich wieder einiges gelernt. Reflexion ist Glückssache, nur was ich bewusst wähle, macht auch Spaß und ist eine Investition wert. Der Rest soll bitte – wie die meisten YouTube-Videos, Blogbeiträge, etc. – nichts kosten, mit minimalem Aufwand und einer sehr guten Note zu bewältigen sein. Ach ja, Professor trag mich doch bitte durch das Semester. Da geht es hin, dass Humboldtsche Bildungsideal. Dies gilt nicht für alle Studierenden, es gab auch positive Erlebnisse. Zwar nicht viele, aber doch einige. Damit haken wir die erste Runde Corona-Semester ab und warten auf die zweite Runde im Oktober.

Schönen Sommer, in den nächsten Beiträgen fokussierte ich mich wieder auf das Thema Personal Branding und ein paar Marketing 4.0-Themen. Stay tuned.

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